Hören mit dem Hirnstammimplantat

Nach meiner vollständigen Ertaubung in 1998 wurde im Klinikum Hannover-Nordstadt zunächst ein Tumor vom Hörnerven entfernt und in gleicher Sitzung eine Hirnstammprothese implantiert (auditorisches Hirnstammimplantat). Wichtig ist dabei der optimale Sitz der Elektroden auf dem Hörnervkern des Hirnstamms.

 

Sechs Wochen später wurde im Rahmen eines stationären Aufenthalts in der Medizinischen Hochschule Hannover der Sprachprozessor eingestellt und mit dem Hörtraining begonnen. Das bei mir eingesetzte magnetfreie Implant vom System CLARION arbeitet mit acht Kanälen. Zwei Kanäle mussten deaktiviert werden. Da waren es nur noch sechs. Zwei Kanäle liegen im Frequenzbereich dicht beieinander, so nutzen mir jetzt nur noch fünf.

 

Was bringt mir das HI heute? Dazu liste ich die Ergebnisse des letzten Tests auf:

Geräuschunterscheidung live (nur Hören) 75 %
Zahlen vom CD-Player (nur Hören) 72 %
Zahlen live (Hören und vom Mund absehen) 98%
Speechtraking, frei übersetzt als wörtliches Verstehen einer Geschichte live (nur vom Mund absehen ohne Hören) 12 Wörter/Minute
Speechtraking live (Hören und vom Mund absehen) 33 Wörter/Minute

Anhand einiger Situationen möchte ich meine Höreindrücke mit dem Hirnstammimplantat schildern:

 

ZUHAUSE

Wenn die Wortgebilde nicht allzu kompliziert sind, kann ich meine Frau sehr häufig verstehen - eingeschränkt auch Dritte, aber nur, wenn sie langsam und deutlich sprechen, keine störenden Umgebungsgeräusche auftreten, sie mich beim Sprechen ansehen und nur Einer zur Zeit spricht. Frauenstimmen verstehe ich besser als Männer- oder Kinderstimmen.

 

Ich höre: Das Knarren meines Drehstuhls, Gläserklirren, das Schlagen der Wanduhr und jetzt - die Anschläge auf der Tastatur.

 

Musikstücke kann ich ebenfalls nicht erkennen. Wenn meine Frau auf der Orgel spielte. hörte ich Geräusche, insbesondere natürlich das Dröhnen der Bässe. Wenn ich mir dann die Noten anschaute, stellte ich mir die Melodie vor. Meine Frau spielte wunderbar!

 

IM GARTEN

Ich höre die Vogelstimmen, kann sie aber nicht den jeweiligen Vögeln zuordnen. Vermutlich haben wir nur Krähen im Garten. Ich höre Hundegebell und Hubschraubergeräusche.

 

IN DER U-BAHN

Ich höre Türenschlagen, Zeitungsgeraschel, aber nicht die Stimmen der Leute, die mir unmittelbar gegenüber sitzen und sich unterhalten bzw. in ihr Handy brüllen.

 

AUF DEM BAHNSTEIG

Ich höre die Lautsprecherdurchsagen, kann sie aber nicht verstehen.

 

AN BELEBTER STRASSE

Ich höre - nichts. Jedenfalls kann ich keine Geräusche unterscheiden. Schalte ich aber den Sprachprozessor aus, wird es still. 

 

AN UNBELEBTER STRASSE

Nun höre ich die Autos sehr leise vorbeifahren. Ich höre meine Schritte, mein Schlurfen.

 

IM PKW

Ich höre den Blinker, das Herumrutschen und Klappern loser Gegenstände im Kofferraum und die Geräusche des Autoradios. Motorengeräusche vernehme ich nicht, auch keinen Verkehrslärm. Leider höre ich auch die Sirenen der Einsatzfahrzeuge nicht. Hier gilt dann: "Augen auf!"

 

IM KAUFHAUS / LADEN

Im direkten Gespräch kann ich manchmal ein wenig verstehen, aber nur einfache Wörter, hauptsächlich Zahlen.

 

IM RESTAURANT

Meine Begleitung kann ich z.B. nicht verstehen. Dafür höre ich das Klappern der Bestecke an "sämtlichen" Tischen umso mehr.

 

AN DER OSTSEE

Wenn es windstill ist, höre ich die Schreie der Möwen, das Knirschen der Schritte im Sand, sogar das sanfte Rauschen der auflaufenden Wellen.

 

IM FUSSBALLSTADION

Hier gilt das Gleiche, wie an der belebten Straße: Ich höre nix, weder die Gesänge, die St. Pauli-Rufe noch den Torjubel von 29.546 Zuschauern (abzüglich Gästebereich). Von Fachsimpeleien der Sitznachbarn bin ich ausgeschlossen. Dafür klopfen sie mir manchmal auf die Schultern. Wir Hörbehinderten kennen das. Nett gemeint, finde ich auch gut.

 

IM BERUF

Zu diesem Thema könnte ich locker noch einige Seiten schreiben. Daher nur ganz kurz: Bei einer führenden Fragestellung wird die Spanne der Möglichkeiten reduziert. Damit kam ich in meinen Tätigkeiten als Berufsschullehrer und Architekt zurecht.

Fazit nach 15 Jahren:

Beim Hirnstammimplantat sind die Elektroden am Hörvervstumpf aufgesetzt, im Gegensatz zum Cochlea Implantat (CI). Dieses kann zum Tragen kommen, wenn der Hörnerv intakt ist. Die Elektroden werden dann in die Schnecke (Innenohr) geschoben. Der Hörerfolg ist meistens wesentlich größer.

 

Immer sind für mich noch ein gutes Mundbild und langsames und deutliches Sprechen sehr wichtig. Leider gibt es nur wenige Menschen, die diesen beherrschen und länger als wenige Minuten durchhalten können. Wenn jedoch zusätzlich gebärdet wird, ist die Kommunikation fast optimal. Aber wer kann schon gebärden?

Kommentar schreiben

Kommentare: 0