"Lippenlesen"

„Benjamin Piwko liest seinem Gegenüber jedes Wort von den Lippen ab. Für den 35-Jährigen ist diese Fähigkeit eine Selbstverständlichkeit, denn Piwko ist gehörlos.“ So steht es im Hamburger Abendblatt v. 23.01.16 in der Vorankündigung zum Tatort „Totenstille“ für den folgenden Tag. Strilow spielt an der Seite von Devid Striesow den Gehörlosen namens Ben.

Als ich das gelesen hatte, waren meine ersten Reaktionen: „Das kann gar nicht angehen“ und „ Jetzt erwartet wieder einmal jeder von mir, dass ich von den Lippen absehen kann“. Meine Frau meinte, dass Piwko das mit Sicherheit selbst sicherlich nicht von sich behauptet hat, sondern der Reporter, der sich mit ihm in einem Café getroffen hat, empfand es so.

 

Die deutsche Sprache gilt als „hart“. Das liegt daran, dass die Wörter mehr Konsonanten enthalten, als z.B. die englische Sprache. Die Vokale a, e, i, o und u sowie die Verbindungen au, ei und eu lassen sich bei einiger Übung und deutlichem Mundbild des Sprechenden recht gut vom Mund absehen. Konsonanten lassen sich im Mundbild häufig sehr schlecht unterscheiden. Schauen Sie einmal in den Spiegel und sagen Sie „Mutter“ – „Butter“ - „Kutter“. Bei einer Verwechslung ergibt dann jeder Satz einen anderen Sinn.

 

In zwei mehrtägigen Absehkursen habe ich gelernt, dass ein deutliches und nicht übertriebenes Mundbild und die Kenntnis des Themas Voraussetzungen in der Kommunikation sind. Nur 15 % der Laute werden einigermaßen eindeutig erkannt. Bei Übung und Erfahrung können maximal 30 % erreicht werden. Was darüber hinaus geht, ist Kombination. So kann natürlich der Eindruck entstehen, dass der „Lippenleser“ alles versteht. Ob das so ist, lässt sich durch gezieltes Nachfragen leicht testen.

 

Natürlich sind die Fähigkeiten beim Absehen sehr unterschiedlich. Bei mir selbst sind diese nicht sehr ausgeprägt. Ertaubte (Hörverlust nach dem Spracherwerb) und Gehörlose (Hörverlust vor dem Spracherwerb) können um so besser vom Mund absehen, je länger sie trainieren, je größer ihr Wortschatz ist und je ausgeprägter ihre „Sprachbegabung“ ist. Ich bin spätertaubt, alt und mehr der mathematisch technische Typ. Beim Mund absehen muss man sich sehr konzentrieren und das fällt einem mit zunehmendem Alter schwerer. Etwas „Lippenlesen“, Geräuschwahrnehmung mittels auditorischem Hirnstammimplantat, Kombination und notfalls Bleistift und Papier (und neuerdings Spracherkennung am Smartphone) – damit komme ich über die Runden.

mehr lesen 1 Kommentare

Hören mit dem Hirnstammimplantat

Nach meiner vollständigen Ertaubung in 1998 wurde im Klinikum Hannover-Nordstadt zunächst ein Tumor vom Hörnerven entfernt und in gleicher Sitzung eine Hirnstammprothese implantiert (auditorisches Hirnstammimplantat). Wichtig ist dabei der optimale Sitz der Elektroden auf dem Hörnervkern des Hirnstamms.

 

Sechs Wochen später wurde im Rahmen eines stationären Aufenthalts in der Medizinischen Hochschule Hannover der Sprachprozessor eingestellt und mit dem Hörtraining begonnen. Das bei mir eingesetzte magnetfreie Implant vom System CLARION arbeitet mit acht Kanälen. Zwei Kanäle mussten deaktiviert werden. Da waren es nur noch sechs. Zwei Kanäle liegen im Frequenzbereich dicht beieinander, so nutzen mir jetzt nur noch fünf.

 

Was bringt mir das HI heute? Dazu liste ich die Ergebnisse des letzten Tests auf:

mehr lesen 0 Kommentare